Fernwege in Nord- und Mitteldeutschland: Profile und Charakter im Vergleich
Die nördliche Hälfte Deutschlands gilt unter Weitwandernden als unspektakulär. Das stimmt für Postkarten und nicht für die Beine: Ein Kammweg im Mittelgebirge fordert die Kondition, eine 30 Kilometer lange Heideetappe ohne Schatten fordert den Kopf.
Küstennahe Wege: Wind als eigentlicher Faktor
Auf Deich- und Marschetappen liegt die Steigung nahe null, dafür arbeitet der Wind. Gegenwind von 5 Beaufort kostet über sechs Stunden mehr Kraft als 400 Höhenmeter. Planen Sie küstennahe Abschnitte deshalb nach Windrichtung, nicht nach Kilometern, und rechnen Sie mit einer bis anderthalb Stunden zusätzlicher Gehzeit an ungeschützten Tagen. Schatten fehlt fast vollständig, ein breiter Hut ist zwischen Mai und August kein Zierstück.
Heide- und Geestwege: weicher Untergrund, lange Sichtachsen
Sandige Pfade sind gelenkschonend, kosten aber Tempo: Auf tiefem Sand sinkt die Geschwindigkeit von 4,5 auf etwa 3,5 Kilometer pro Stunde. Die Etappen wirken eintönig, wenn man sie mittags geht, und ausgesprochen schön im ersten und letzten Licht. Die Blütezeit der Heide zwischen Anfang August und Mitte September ist entsprechend die volle Saison mit knappen Betten.
Flach heißt nicht leicht. Es heißt nur, dass die Anstrengung woanders sitzt.
Bewaldete Höhenzüge: das andere Extrem
Weiter südlich führen die Wege über bewaldete Rücken mit ständigem Auf und Ab. Typisch sind 18 Kilometer mit 600 bis 800 Höhenmetern, viel weicher Waldboden, wenige Aussichten und dafür gute Beschattung im Hochsommer. Wasser ist hier das knappe Gut: Zwischen zwei Ortschaften liegen leicht vier Stunden.
Grobe Einordnung für die Planung:
- Deich und Marsch: 25 bis 32 Kilometer, unter 100 Höhenmeter, kein Schatten
- Heide und Geest: 22 bis 28 Kilometer, unter 250 Höhenmeter, weicher Untergrund
- Bewaldete Höhenzüge: 16 bis 20 Kilometer, 600 bis 900 Höhenmeter
- Flusstäler: 24 bis 28 Kilometer, unter 300 Höhenmeter, gute Bahnanbindung
Wer mehrere Charaktere in einer Tour kombiniert, sollte die anspruchsvollsten Abschnitte in die zweite Wochenhälfte legen.